Tankstelle

150 Menschen stimmen gemeinsam Auld Lang Syne an und bewegen sich langsam durch den Raum. Immer wieder bleibt eine von ihnen auf einem Ton stehen, hört ihm hinterher, nimmt dann das Lied wieder auf. Zu jeder Zeit wird das Lied weitergetragen und gewinnt durch das spontane Verweilen an Fülle und Intensität. Da ist so viel Klang im Raum, so viele Stimmen, die einstimmig und doch unendlich vielfältig das Lied in etwas Greifbares, Spürbares übersetzen. Und ich, mittendrin, vergesse für einen Moment, dass ich nicht etwa in einer Kathedrale, sondern in einem Mensafoyer stehe und Teil des Ganzen bin.

Während ich die erste Version dieses Beitrags in mein Notizbuch schrieb, fasste @wortwandrerin in einem Tweet ziemlich exakt zusammen, was ich für die Dauer dieses Lieds fühlte:

Das Gute ist, dass ich weiß, wo ich diese Momente suchen muss. Anfang diesen Semesters bin ich mit einer Freundin, die ebenso neugierig war wie ich, zur allerersten Probe eines neu gegründeten Chors gegangen. Singen mit anderen Menschen macht mir viel Spaß. Es ist für mich eine Möglichkeit, den Alltag mal für zwei Stunden zu vergessen und an etwas völlig anderes, bestenfalls sogar an gar nichts, zu denken. Ich kann es gar nicht wirklich erklären, aber mittendrin zu sitzen in so einem Klangkörper, in dem aus vielen Stimmen eine wird, ohne dass dabei irgendeine Nuance verloren geht, das fühlt sich für mich unvergleichlich gut an. Man verschwindet im Klang und ist doch total da. Alles passt.

Als passend stellte sich dann auch dieser neue Chor heraus. Die Philosophie der Organisatoren ist, dass man nicht etwa nur mit dem Vokaltrakt, sondern mit dem ganzen Körper singt. Deshalb kommen nicht nur die Stimmbänder in Bewegung, auch der Rest wird aufgewärmt, gelockert und bewegt. Wenn ich gestresst bin merke ich das oft auch daran, dass Nacken und Schultern dauernd verspannt sind. Ein wenig herumzuzappeln wirkt da Wunder. Die Aufwärmübungen, von Schulterkreisen bis Nachtanzen alberner Schrittfolgen, lockern aber nicht nur die Muskeln. Auch die Furcht, sich vor den anderen lächerlich zu machen oder Hemmungen, die eigene Stimme zu zeigen, weichen nach und nach einer wohltuenden Gelassenheit. Das macht es mir, die ich das Fenster schließe, wenn ich nur in meinem Zimmer vor mich hin singe, wirklich leichter, für andere hörbar und auch mal möglicherweise falsche Töne von mir zu geben.

In den wenigen Monaten, die der Chor nun besteht, hat er mich schon des öfteren aus Stimmungstiefs gehoben und mir mehr als einmal eine Pause von meinen Gedanken geschenkt, die ich in diesen Momenten echt nötig hatte. Ich bin sehr dankbar, einen Ort gefunden zu haben, der so etwas für mich tun kann. Ich glaube, es ist wichtig, solche Zufluchtsorte zu kennen – und sich auch zu erlauben, sie aufzusuchen. Gerade, wenn viel los ist, ist man ja schon mal versucht, an der Freizeit zu sparen, selbst wenn man sich ihrer wohltuenden Wirkung bewusst ist. Aber wenn du so einen wertvollen Ort gefunden hast, sei es Musik, Bewegung oder das Zubereiten einer aufwendigen Mahlzeit, dann hör nicht auf das schlechte Gewissen. Gönne dir die Streicheleinheit, tu dir was Gutes. Ich denke, besonders jetzt, da es in die letzten Semesterwochen geht, sollten wir uns selbst nicht vergessen.

Sommerliste

Was ich gerne tun möchte:

  • in einem See baden (ich übe noch)
  • stapelweise Bücher ausleihen und am Stück verschlingen
  • Briefe schreiben
  • die höchsten Punkte der Stadt ausfindig machen und auf ihre Sonnenuntergangsqualität testen (Sonnenaufgang ist auch in Ordnung)
  • Dinge ausmisten, die ich nicht mehr brauche oder nicht mehr haben will und verschenken oder etwas neues daraus machen
  • ins Freiluftkino gehen
  • Berlins beste Eisdiele finden
  • allgemein draußen sein
  • mehr tun, statt es auf Listen für später zu schreiben

April, April

Statt euch in den April zu schicken oder die üblichen Worte über das Aprilwetter zu verlieren, habe ich heute etwas anzukündigen:

Am 23. April ist der Welttag des Buches. Zu diesem Anlass findet auch in diesem Jahr die Aktion  Blogger schenken Lesefreude statt. Auf vielen, vielen Blogs werden am 23. April Bücher verlost – unter anderem auch auf diesem.

Welches Buch ihr bei mir gewinnen könnt, erfahrt ihr im Laufe der nächsten Wochen. Wer mehr über die Aktion wissen oder sich vielleicht selbst noch schnell anmelden möchte, findet alle Infos hier.

Aber damit nicht genug! Ich habe nämlich kurzerhand beschlossen, dem Thema Bücher und Lesen gleich einen ganzen Monat zu widmen und den April zum Büchermonat zu erklären. Die nächsten Wochen über erwarten euch also verschiedene Beiträge passend zum Thema.

Ich freue mich schon auf eure Gedanken und Geschichten!

Wer noch nicht automatisch alarmiert wird, sobald es hier etwas Neues zu lesen gibt, findet hier verschiedene Möglichkeiten, meinem Blog zu folgen.

Was, schon so spät?

Da habe ich doch glatt meinen eigenen Bloggeburtstag verpasst. Vor einem Jahr und einer Woche, am 5. Februar 2013, erschien mein erster Post auf Ännchen von Radau. Anfangs noch wöchentlich am Donnerstag, später dann unregelmäßig je nach Lust und Laune habe ich in 39 Beiträgen meine Gedanken mit euch geteilt.

Der erste Donnerstagstext trug den Titel „Heute hier, morgen dort“ (natürlich geklaut bei Hannes Wader), und als ich ihn gerade seit langem wieder gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass mich das Thema immer noch beschäftigt. Und trotzdem scheinen diese früheren Blogtexte wie aus einer anderen Zeit zu stammen. Und das tun sie ja irgendwie auch. Seither habe ich einen ersten Abschluss gemacht, bin umgezogen und habe in einer neuen Stadt und an einer neuen Uni mal wieder erste Schritte gemacht. Zunächst unbemerkt wirkt sich eine solche äußerliche Veränderung wohl auch auf andere Bereiche aus.

Vom strengen Wochenrhythmus mit dem Donnerstag als festem Erscheinungstag bin ich schon länger abgekommen. Vor einem Jahr hatte sich das genau richtig angefühlt, jetzt gerade passt es mir nicht mehr in den Kram. Und ich denke, das ist in Ordnung – mein Blog, meine Regeln, und wieso überhaupt Regeln – es geht in allererster Linie doch immer noch darum, einen Ort zum Austoben und Ausprobieren zu haben.

Auch ohne festen Plan wächst der Wörterwald also weiter, immer wieder begebe ich mich in meiner Rolle als Försterin auf die bemoosten Waldwege, räume auf, pflanze ein, setze um, sähe. Ein Jahr ist für einen Wald nun wirklich noch kein Alter.

Es geht weiter

Fernsehturm

Fast zwei Monate ist es her, seit ich mich hier das letzte Mal zu Wort gemeldet habe. Es ist ewig her, und doch ist die Zeit seither wie im Flug vergangen. Mein Italienjahr war endgültig vorbei, daran, sich auch innerlich zu verabschieden, war allerdings kaum zu denken. Schließlich wollte die Zukunft geplant und organisiert werden. Vorstellungsgespräch, Einschreibung, Wohnungssuche und Umzug, dicht gepackt in nur vier Wochen beanspruchten schon genug Raum für sich. Die elf Monate vorher schienen aus einem anderen Leben zu stammen und schon nach kurzer Zeit unglaublich weit weg zu sein. Froh darüber, bald etwas Neues zu beginnen, blätterte ich um zum nächsten Kapitel.

Und jetzt sind auch hier schon wieder vier Wochen vergangen. Die Bude ist weitestgehend eingerichtet, mein Praktikum hat schnell für Alltag gesorgt und die Vorfreude auf die Uni ist nach einem ersten Besuch dort ungemein gewachsen. Mir gefällt’s hier, ich glaube, es wird mir in dieser Stadt erst mal nicht langweilig werden. Vermutlich wäre ich schon ein Jahr damit beschäftigt, einfach nur jede Straße einmal abzulaufen. Ich mag Dinge, die nicht auf den ersten Blick schon ihr ganzes Potential zur Schau stellen, wo man immer noch etwas entdecken kann, nie auf das Ende trifft. Wie ein unendliches Buch, das man in verschiedene Richtungen lesen kann und das täglich seine Handlung ein bisschen ändert.

Das Italienweh hat mich dann doch noch getroffen. Ich hatte die Aufnahme eines italienischen Gedichts angehört, und auf einmal war sie da. Die Sehnsucht, jeden Tag wenigstens ein paar Wörter dieser wunderschönen Sprache zu sprechen, in 10 Minuten Laufweite richtig leckere, nicht Döner-Pizza bekommen zu können, in einer halben Stunde zu Fuß ins Zentrum und am Dom vorbei zum Arno zu laufen und unterwegs vielleicht noch ein Eis zu essen. Lakritze. Das ist die wohl am meisten unterschätzte Eissorte, die ich kenne.

Aber wie gesagt. Ich bin froh, hier zu sein und irgendwie auch ein bisschen darüber, dass es mich doch noch erwischt hat. Doch noch zu spüren, dass das letzte Jahr mich erfüllt, verändert und glücklich gemacht hat, auch wenn’s zwischendurch mal nicht so schön, langweilig oder anstrengend war. Und schließlich ist Vermissen, auch wenn es dir einen Stich versetzt, dich eine Weile runterzieht, irgendwie auch tröstlich. Jemand hat mir mal gesagt: „Und wenn schon Vermissen Schmerz ist, ist dann nicht das der größere Schmerz: nicht mehr vermissen können?“

Herbstblätter

Dies nun zu fallenden Blättern,nebligen Montagmorgen und beschlagenen Scheiben. Das Wort zum Herbst.