Aufgeladen

Auf meinem Schreibtisch liegen, ordentlich gestapelt: Zwei halb gelesene Zeitschriften; darauf die Chorpartitur von Bachs Weihnachtsoratorium, ergänzt durch „Vom Blatt singen für Dummies“. Ein Bild, das ich seit Monaten rahmen möchte, mein liebstes Buch über Feminismus und ein weiteres Buch zum selben Thema, das ich erst zur Hälfte gelesen habe. Zehn unausgefüllte Listen zur Selbstreflexion, zwei Notizblöcke, mein Tagebuch, mein Notizbuch, ein leeres Ideenheft und zwei Kalender – einer aktuell, der zweite gültig ab übernächster Woche und noch voller leerer Seiten. Ganz oben auf ein Zeitungsartikel, den ich nur noch lesen möchte, um die Seite dann endlich ins Altpapier zu werfen.

Zwischen Tür und Angel

In deiner Wohnung brennt noch Licht, als ich spät am Abend zurück komme und im Vorbeigehen einen Blick nach oben werfe. Eine Gewohnheit, reine Routine. Es gibt mir Sicherheit wenn ich weiß, dass du vielleicht in diesem Moment hinaus schaust und dann an mich denken musst. An die Person, mit der du nur ab und an ein paar Worte wechselst, jedes Mal ein paar zu viel, als dass sie danach in ihre Wohnung gehen und den restlichen Tag an etwas anderes als an dich denken könnte. Jedes Mal ein Wort zu viel über die Schwelle der Gleichgültigkeit. Aber keines weiter. Es treibt mich in den Wahnsinn.

Dabei weiß ich noch nicht einmal, was ich eigentlich an dir finden soll. Ich mag dich, keine Frage. Ich unterhalte mich gern mit dir, du überraschst mich mit den Wendungen, die unsere Gespräche nehmen, wenn wir einfach unsere Gedanken aufeinander loslassen und dabei zusehen, wie sie sich gegenseitig zu Neuem anstiften. Wenn du diese zehn Minuten, die auch mal zu einer halben Stunde werden, mit mir verbringst, im Hausflur stehend, an die Wand gelehnt, und wir beide für diese Zeit das einzige Objekt deiner Aufmerksamkeit sind, in diesem Moment gibst du mir etwas zurück, das mir lange abhanden gekommen war, das mir gefehlt hat, viel zu lange. Achtung. Und Beachtung. Betrachtung. Ja, ich genieße deine Aufmerksamkeit.

Es ist ziemlich selbstbezogen, was ich über das denke, wieso ich so schätze, was da manchmal zwischen uns ist.

Aber auch dir ist es wichtig, dein Selbst zu pflegen. Wo der Hausflur endet und deine Wohnung beginnt, da ist die Grenze unserer flüchtigen Freundschaft. Denn eine Freundschaft ist es, wenn auch eine sonderbare. In dein Reich, deine Privatheit, darf ich nicht hinein, obwohl unsere Ganggespräche die Grenze zum Privaten schon deutlich überschritten haben. Du brauchst die Gewissheit, in deiner Wohnung frei zu sein. Zu tun, was du willst, laut oder leise zu sein, herumzulaufen, wie es dir beliebt oder auch einfach nur dazuliegen und zu denken, ohne dass jemand deine Gedanken übertönt, unterbricht, beäugt, kommentiert.

Wir sind uns darin gar nicht unähnlich. Aber manchmal, inmitten all des allein und mit allem eins-Sein, da wäre ich gerne in guter Gesellschaft. Um zu teilen, was mir selbst zu viel ist, um zu hören, wie die Stille klingt, wenn man ihr gemeinsam lauscht. Um Gedanken aus der Luft zu greifen und in den Raum zu stellen, und sie dann gemeinsam zu bestaunen.

Der Strumpf

Aber dieser rote Strumpf war vorher nicht da gewesen. Genauer gesagt hatte sie ihn noch nie gesehen. Wäre es ihrer, so hätte sie das wohl gewusst – folglich lag da ein fremder Strumpf in ihrer Schrankschublade.

Ihre Wäsche wusch sie zuhause in ihrer eigenen Waschmaschine, die im Badezimmer stand. Sie konnte den fremden Strumpf also nicht aus dem Waschsalon oder der Waschküche versehentlich mitgenommen haben.

Sie war lange nicht verreist und hatte fast ebenso lange keinen Übernachtungsbesuch da gehabt. Auch so konnte der Strumpf also nicht in ihren Schrank gelangt sein. Und sogar in die richtige Schublade. Hatte sie ihn gar selbst dort hinein geräumt?

Fremde Kleidungsstücke waren zumindest ein ganz kleines bisschen eklig. Wer weiß, wo der Besitzer überall herumgelaufen war. Besonders Strümpfe können davon ein Lied singen. Dieser allerdings schien sauber zu sein. Dennoch. Man bewahrte seine Kleidung doch nur bei anderen Leuten auf, wenn man zu ihnen in einer engeren Beziehung stand, oder zumindest miteinander verwandt war. Kleidungsstücke bei einem Fremden zu hinterlassen war beinahe schon obszön, oder intim, wo war da schon der Unterschied.

Sie blickte angewidert auf den Strumpf, der ihre Privatsphäre verletzte. In den Müll damit, ganz einfach. Doch sie zögerte. Fremdes Eigentum warf man nicht in den Müll, außer es handelte sich um die verschimmelten Tomaten eines Mitbewohners. Was man fand, gab man zurück – aber wem? Einen Aushang zu machen wie für einen zugeflogenen Vogel schien ihr etwas vermessen.

Wem konnte dieser verdammte Strumpf nur gehören? Geschwister hatte sie keine, und ihre Mutter würde farbige Fußbekleidung wohl nur an Fasching tolerieren. Hatte sie den Strumpf am Ende doch selbst gekauft? Aber dann musste ja irgendwo das Gegenstück sein. Und da lag nur ein einziger, fremder roter Strumpf in der Schublade.

Hätte sie sich den Eindringling noch einmal genauer angesehen, so wäre ihr aufgefallen, dass der Strumpf keinesfalls rot, höchstens rötlich war. Besonders hochwertig schien er auch nicht zu sein, die Farbe sah fleckig und ausgewaschen aus. Nicht wie die tomatenrot leuchtende Hose, die sie vor wenigen Tagen gekauft und zur ersten Wäsche allein in die Maschine gestopft hatte. Oder, fast allein. Ein einzelner weißer Strumpf hatte sich ungesehen mit in die Maschine verirrt.

Sommerliste

Was ich gerne tun möchte:

  • in einem See baden (ich übe noch)
  • stapelweise Bücher ausleihen und am Stück verschlingen
  • Briefe schreiben
  • die höchsten Punkte der Stadt ausfindig machen und auf ihre Sonnenuntergangsqualität testen (Sonnenaufgang ist auch in Ordnung)
  • Dinge ausmisten, die ich nicht mehr brauche oder nicht mehr haben will und verschenken oder etwas neues daraus machen
  • ins Freiluftkino gehen
  • Berlins beste Eisdiele finden
  • allgemein draußen sein
  • mehr tun, statt es auf Listen für später zu schreiben

Alles schon mal da gewesen

Die meisten Leute, die in den letzten Tagen etwas zu Julia Engelmanns Slam-Video* zu sagen hatten, waren sich vor allem in einem Punkt einig: was sie da erzählt, das haben Tausende vor ihr auch schon erkannt. Ja, was sie da in fünf Minuten rhytmisch-lässigem Beinaherap vorträgt lässt sich sogar in einem einzigen Wort zusammenfassen: YOLO.

Mal von künstlerischen Beurteilungen und Neideingeständnissen abgesehen: ist dieser Vorwurf selbst denn etwas Neues? Ständig wird doch irgendwo wiedergekäut, was schon tausendmal so oder so ähnlich gesagt wurde.

Ich denke da an Romane oder Hollywoodfilme, alle nach einem bestimmten Schema gestrickt, die Figuren ausgetauscht, an einen anderern Schauplatz versetzt, und schon hat man zahllose Leser oder Kinogänger glücklich gemacht. Oder etwas traditioneller: Märchen. Eine Prinzessin, ein böser Gegenspieler, ein Held, die Rettung.

Oder in der Uni: Hausarbeiten fühlen sich vor allem deshalb oft so ätzend und sinnlos an, weil man eigentlich nur gebündelt und neu geordnet das wiedergibt, was andere vor uns schon geschrieben haben. Und sogar Abschlussarbeiten lassen sich erschreckend oft mit ein paar wenigen, simplen Worten zusammenfassen.

Ganz ehrlich: wie soll man denn auch heutzutage immer noch ständig nur nie gesagte Dinge äußern, neue Ideen verbreiten? Immerhin schreiben wir mittlerweile das Jahr Zweitausendvierzehn.

Gefällt es uns nicht eigentlich sogar, Bekanntes in immer neuem Gewand wieder und wieder zu hören? „Endlich spricht mal einer aus, was alle denken“ – das ist dann wohl mutig. Aber originell?

Ich wäre glücklich, altbekannte Weisheiten so verpacken zu können, dass sie, und wenn nur von außen, wie etwas Neues, aufregend Glänzendes aussehen. Ich wäre stolz, mit meinen Worten, damit, wie ich etwas ausdrücke, Leute zu berühren.

Vielleicht ändert sich durch das Video nicht mein Leben. Vermutlich hat kein noch so hochwertiger Film bisher tiefgreifende Auswirkungen auf mein Leben gehabt. Vielleicht war das keine Poesie für die Ewigkeit, was da von Tausenden geteilt und kommentiert wurde. Ich lese auch gern mal einen Liebesroman, obwohl daneben Goethe im Regal steht.

* sollte es tatsächlich wer verpasst haben, so klicke er hier.