Alles schon mal da gewesen

Die meisten Leute, die in den letzten Tagen etwas zu Julia Engelmanns Slam-Video* zu sagen hatten, waren sich vor allem in einem Punkt einig: was sie da erzählt, das haben Tausende vor ihr auch schon erkannt. Ja, was sie da in fünf Minuten rhytmisch-lässigem Beinaherap vorträgt lässt sich sogar in einem einzigen Wort zusammenfassen: YOLO.

Mal von künstlerischen Beurteilungen und Neideingeständnissen abgesehen: ist dieser Vorwurf selbst denn etwas Neues? Ständig wird doch irgendwo wiedergekäut, was schon tausendmal so oder so ähnlich gesagt wurde.

Ich denke da an Romane oder Hollywoodfilme, alle nach einem bestimmten Schema gestrickt, die Figuren ausgetauscht, an einen anderern Schauplatz versetzt, und schon hat man zahllose Leser oder Kinogänger glücklich gemacht. Oder etwas traditioneller: Märchen. Eine Prinzessin, ein böser Gegenspieler, ein Held, die Rettung.

Oder in der Uni: Hausarbeiten fühlen sich vor allem deshalb oft so ätzend und sinnlos an, weil man eigentlich nur gebündelt und neu geordnet das wiedergibt, was andere vor uns schon geschrieben haben. Und sogar Abschlussarbeiten lassen sich erschreckend oft mit ein paar wenigen, simplen Worten zusammenfassen.

Ganz ehrlich: wie soll man denn auch heutzutage immer noch ständig nur nie gesagte Dinge äußern, neue Ideen verbreiten? Immerhin schreiben wir mittlerweile das Jahr Zweitausendvierzehn.

Gefällt es uns nicht eigentlich sogar, Bekanntes in immer neuem Gewand wieder und wieder zu hören? „Endlich spricht mal einer aus, was alle denken“ – das ist dann wohl mutig. Aber originell?

Ich wäre glücklich, altbekannte Weisheiten so verpacken zu können, dass sie, und wenn nur von außen, wie etwas Neues, aufregend Glänzendes aussehen. Ich wäre stolz, mit meinen Worten, damit, wie ich etwas ausdrücke, Leute zu berühren.

Vielleicht ändert sich durch das Video nicht mein Leben. Vermutlich hat kein noch so hochwertiger Film bisher tiefgreifende Auswirkungen auf mein Leben gehabt. Vielleicht war das keine Poesie für die Ewigkeit, was da von Tausenden geteilt und kommentiert wurde. Ich lese auch gern mal einen Liebesroman, obwohl daneben Goethe im Regal steht.

* sollte es tatsächlich wer verpasst haben, so klicke er hier.

4 Gedanken zu “Alles schon mal da gewesen

    • Die mit den Abschlussarbeiten? Ja, ich denke auch schon drüber nach, wie sich meine Bachelorarbeit wohl zusammenfassen ließe :D Vielleicht: „Man sollte mit seinen Kindern sprechen“?

  1. Ja, ich hatte mich auch gefragt. Ich gehe oft zu Poetry Slam’s und ich muss sagen: dieser Text war weder besonders aussergewöhnlich noch überdurchschnittlich toll vorgetragen Trotzdem finde ich ihn gut, denn er drückt ein Gefühl aus, dass viele haben. Darum geht es beim slammen ja auch: um die Art des Vortrags. Warum Dinge viral werden, habe ich nie wirklich verstanden. Zufall, vielleicht.

  2. Kluger Post. Ich muss sagen, dass das mit dem Video fast komplett an mir vorbeigegangen ist – erst, als es auf Zeit und Spiegel Online fiese Kritiken dazu hagelte, bin ich darauf gestoßen und habe es mir angesehen. Und du hast wirklich Recht, der Kritikpunkt, etwas ist nichts Neues, ist eigentlich ziemlich dämlich – bei der Masse an Büchern, Texten, Musik, Kunst und so weiter, die heute existiert, ist doch das meiste, was neu geschaffen wird, nur eine neue Kombination aus Altem. Und wenn es den Leuten gefällt, warum denn nicht.

    Danke für deinen Kommentar übrigens! Ich träume dann eher solche Dinge, dass ich den Abgabetermin verschlafe oder meinen Dozenten erschlage oder so :D

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