Vollwertlesekost

Auf Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute von Anne Wizorek bin ich aufmerksam geworden, als die Autorin vor kurzem zu Gast in der Radiosendung Spreeblick war. Anne Wizorek war mir schon vorher bekannt als Gründerin des Gemeinschaftsblogs kleinerdrei (wer’s nicht kennt: unbedingt mal anklicken! Aber erst zu Ende lesen ;)) und als Initiatorin des #Aufschreis gegen Alltagssexismus auf Twitter. (Eine kurze Geschichte des Hashtags hier).

Das Thema Feminismus war mir in letzter Zeit immer mal wieder an verschiedener Stelle untergekommen. Auch #Aufschrei und die anschließende Diskussion hatte ich seinerzeit verfolgt und war deshalb neugierig. Welch ein Glück – denn das Buch ist wirklich lesenwert.

Wizorek_Aufschrei

Es geht weder darum, welche Texte man gelesen haben muss, um sich selbst als Feminist(in) bezeichnen zu dürfen, noch darum, wie korrekt gegendert werden sollte. Auch wird dem Leser nicht auf die Finger geklopft, wo er vermeintlich dumme Fragen stellt, oder der Zeigefinger erhoben, wenn einem aus Unwissenheit (oder mangels Sensibilisierung für das Thema) eine unüberlegte Aussage entfährt.

Stattdessen stellt Anne Wizorek ausführlich und für jeden verständlich die Probleme dar, mit denen wir noch zu kämpfen haben, bis Gerechtigkeit für jeden, ungeachtet des Geschlechts oder der sexuellen Identität, Wirklichkeit werden kann. In zwei Sätzen könnte man das Ganze vielleicht so zusammenfassen: Jede Frau, jeder Mann sowie jeder Mensch, der sich nicht in eine dieser Kategorien einordnen möchte, sollte selbst bestimmen dürfen, wie er oder sie leben und wie und wen er oder sie lieben möchte. Und dabei natürlich seinen Mitmenschen das Gleiche ermöglichen.

Es geht um Sexismus im Alltag, Geschlechterrollen und absurde Schönheitsvorstellungen, befördert durch Werbung und Medien; es geht um die Geschlechterquote, um die Pille danach und sexuelle Selbstbestimmung; um Achtsamkeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf genauso wie um Akzeptanz auch für Lebensentwürfe und ein geschlechtliches Selbstverständnis, das jenseits des eigenen liegt.

Eigentlich wäre mit diesem ersten Teil des Buches schon vieles erreicht. Ich denke nach, ich beobachte, ich versuche, mein Verhalten zu hinterfragen und zu ändern, was mir plötzlich nicht mehr optimal erscheint. Bereits das ist ein wichtiger Schritt. „Um etwas zu bewegen, sind die Babyschritte genauso wichtig wie die nächste Großdemonstration“, schreibt die Autorin selbst im zweiten Teil des Buches. Denn da geht es dann genau um diese Frage: Wie kann ich etwas verändern?

Auf sehr persönliche Art erzählt Anne Wizorek in diesem Teil von ihrer eigenen Geschichte mit dem Feminismus, stellt Initiativen vor, die vieles schon erreicht haben und noch viel mehr noch erreichen wollen und gibt Ratschläge fürs Mitmachen. Gleichzeitig stellt sie klar, dass man in keinen Club eintreten muss und sich damit verpflichtet, bei jeder Demo auf die Straße zu gehen. Schon kleine Veränderungen im eigenen Denken und Verhalten sind ein guter Anfang. Und wer dann noch nicht genug hat, der findet viele Adressen und Ideen, um noch darüber hinaus aktiv zu werden.

Bevor ich das Buch gelesen hatte, hätte ich hinter dem Schlagwort Feminismus wohl auch eher Debatten über die Frauenquote und gleiche Rechte für Frau und Mann vermutet. Was Anne Wizorek hier als Feminismus darstellt ist aber noch so viel mehr – und gleichzeitig viel banaler und verständlicher. Feminist(in) ist man nicht, weil man sich auf eine bestimmte Art kleidet, spricht oder einem bestimmten Beruf nachgeht. Auch nicht, weil man eine Frau ist. Entscheidend ist, wie man handelt.

Das Buch macht nachdenklich. Es sensibilisiert für versteckten Sexismus und irreführende Rollenbilder auch im eigenen Alltag, lässt das eigene Verhalten sich selbst, seinem Partner und anderen Mitmenschen gegenüber hinterfragen. Angesichts dieser riesigen Menge Inhalt muss man manchmal einfach eine Pause machen und das Buch zur Seite legen. Nur um es dann, weil es eben doch verdammt interessant ist, bald wieder zur Hand nehmen zu wollen.

Alle weiteren Infos zum Buch (inkl. Leseprobe und Inhaltsverzeichnis) findet ihr hier.

Wir suchen ein neues Zuhause!

So sehr ich auch von einer eigenen Bibliothek mit Bücherregalen bis unter die Decke träume: nicht jedes Buch hat einen Dauerplatz auf meinem Regal verdient. Wenn ich mir sicher bin, dass ich es nicht noch ein zweites Mal lesen werde oder wenn es schon Jahre auf meinem Ungelesen-Stapel liegt, aber mich bisher nicht interessiert hat, dann muss es gehen.

Seid ihr noch auf der Suche nach Sommerlektüre? Die fünf Bücher, die mich dieses Mal verlassen müssen, möchte ich gerne an euch weitergeben. Nur weil sie mir nicht gefallen haben oder mich momentan nicht interessieren, heißt das schließlich nicht, dass sie schlecht sind!

Es handelt sich um folgende Titel (für mehr Infos zum Inhalt einfach anklicken):

The Book Thief von Markus Zusak

Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin

Berliner Verhältnisse von Raul Zelik

Heinrich von Ofterdingen von Novalis

Serienunikat von Chantal-Fleur Sandjon

Wenn ihr eines der Bücher haben möchtet, schicke ich es euch gerne zu. Hinterlasst einfach einen Kommentar, dann melde ich mich bei euch. Im Gegenzug freue ich mich über eine schöne Postkarte :)

Wer zuerst schreibt, bekommt das Buch. Die Aktion endet, wenn alle Bücher ein neues Zuhause gefunden haben.

Sagt es auch gerne weiter oder teilt den Link!

Montagsfrage #1

Jeden Montag stellt Nina auf Libromanie eine Buchfrage an alle, die gerne drauf antworten wollen. Heute:

Welche 5 Bücher stehen ganz oben auf deiner Wunschliste? (keine Fortsetzungen)

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1. Barış Bıçakçı: Unsere große Verzweiflung

2. Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

3. Alice Munro: Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage

4. J.D. Salinger: The Catcher in the Rye

5. Isabel Greenberg: The Encyclopedia of Early Earth

Und wenn Fortsetzungen erlaubt wären, stünde noch The Silkworm von Robert Galbraith auf der Liste. Der erste Cormoran Strike-Roman hat mir nämlich sehr gefallen und die Fortsetzung erscheint im Juni :)

 

 

 

Verlosung: Blogger schenken Lesefreude

Fröhlichen Welttag des Buches! Hattet ihr heute schon eines in der Hand? Wie Anfang des Monats angekündigt, findet heute auf fast tausend Blogs eine tolle Aktion statt. Es gibt Bücher zu gewinnen! Um eines davon könnt ihr euch hier bemühen, jetzt sofort:

Ich habe eine ganze Weile überlegt, welches Buch ich verlosen möchte. Es sollte natürlich eines sein, dass ich selbst gerne gelesen habe und weiterempfehlen würde. Gleichzeitig aber wollte ich keines wählen, das die halbe Welt bereits gelesen hat. Denn wer würde das noch gewinnen wollen?

Ich habe also hin und her überlegt, mein Bücherregal mehrere Male von vorne bis hinten durchgesehen und mich dann für ein Buch entschieden, an das ich im ersten Moment überhaupt nicht gedacht hätte.

Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht von Heike Wiese habe ich eigentlich nur gelesen, um eine Hausarbeit darüber zu schreiben. Dann haben mich das Thema und die sympathische Art, wie das Buch geschrieben ist, aber so überzeugt, dass ich es gerne weitergeben möchte. Denn auch und ganz besonders für Nicht-Sprachwissenschaftler steckt da so einiges drin, was man unbedingt gelesen haben sollte!

 „Lassma Kino gehn, lan.“

Unter Kiezdeutsch versteht man die Art, wie manche Jugendliche in multhiethnischen Stadtteilen miteinander sprechen, also in Stadtteilen, die von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft bewohnt werden. Oft sprechen die Jugendlichen dann nicht nur Deutsch, sondern auch noch eine andere Sprache, z.B. Türkisch oder Arabisch. Wenn über Kiezdeutsch geredet wird, dann meistens negativ. Die können halt kein Deutsch. Die deutsche Sprache ist in Gefahr, und Kiezdeutsch ist Schuld daran.

Dahinter steckt aber noch mehr, und vieles von dem, was sich in Kommentarspalten, aber auch in renommierten Zeitungen zu diesem Thema findet, ist schlichtweg falsch. Davon handelt dieses Buch. Heike Wiese ist Professorin für Deutsche Sprache an der Uni Potsdam und beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit Kiezdeutsch. Im Buch beschreibt sie die sprachlichen Besonderheiten dieser Spielart des Deutschen und erklärt, wie sie vermutlich zu Stande gekommen sind.

Damit ist es aber nicht getan: Gibt es „das Deutsche“ überhaupt? Was ist ein Dialekt und welchen Unterschied kann es machen, wenn ich statt Standarddeutsch mit Kölschem Einschlag breites Schwäbisch spreche? Und ist unsere Sprache wirklich in Gefahr?

„Die guckt so zu dir so, ischwör!“

Auf all diese Fragen gibt das Buch Antworten. Und manchmal sind diese Antworten nicht schön. So wird klar, dass die Art, wie ein Mensch spricht, seine schulische und berufliche Laufbahn mehr beeinflussen kann, als zu wünschen wäre. Nicht nur Kiezdeutsch, auch Dialekte wie Bairisch oder Berlinisch machen es ihren Sprechern unter Umständen schwer, als intelligente Menschen wahrgenommen zu werden. Wie ich spreche und was ich im Kopf habe sind zwei völlig voneinander getrennte Dinge. Unserer Wahrnehmung fällt es aber schwer, diese Unterscheidung zu vollziehen.

Und so werden Jugendliche, die sich mit ihren Freunden in dieser für die meisten Ohren fehlerhaften und unsympathischen Sprechweise unterhalten, ohne Anhörung direkt verurteilt und für gescheitert erklärt. Das ist ungerecht. Das ist falsch. Das muss sich ändern.

Man muss Kiezdeutsch nicht schön finden. Man muss nicht einmal nachvollziehen können, wieso Heike Wiese es gar zu einem Dialekt erklärt. Aber man sollte sich anhören, was sie darüber hinaus zu sagen hat. Das Buch lädt in vielerlei Hinsicht dazu ein, zu beobachten. Die eigene Sprechweise und die von Anderen, vorschnelle Urteile im Alltag und die Gespräche fremder Leute in der Bahn. Die Autorin selbst scheint das auch sehr gerne zu tun, und so ist das Buch angereichert mit vielen Beispielen aus dem echten Leben. Verständlich, unterhaltsam und absolut lesenswert!

Eine oder einer von euch kann dieses Buch nun gewinnen, und zwar so:

– Hinterlasse einen Kommentar mit deinem Namen und deiner Emailadresse (wenn du sie im entsprechenden Feld angibst, kann nur ich sie sehen)

– Wenn du unter 18 bist, frage deine Eltern, ob sie mit deiner Teilnahme einverstanden sind

– Ich freue mich sehr über treue Leser und neue Leser, wenn du also regelmäßiger Leser meines Blogs bist (und über RSS-Feed, Bloglovin, Facebook, Twitter oder Email) folgst, dann schreibe + Leser unter deinen Kommentar und du bekommst ein zweites Los

Teilnehmen könnt ihr, wenn ihr in Deutschland, Österreich oder der Schweiz wohnt und bis zum 30.4., 23.59 Uhr. Der Gewinner wird ausgelost und per Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen und eure Daten werden vertraulich behandelt und nur für die Zusendung des Gewinns benutzt.

Viel Glück!

Das Buch wurde mir auf Anfrage hin freundlicherweise vom C.H.Beck Verlag  zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

Vier Bücher

Falls ihr gerade auf der Suche nach einem guten Buch seid, könnte euch dieser Beitrag vielleicht helfen. Denn heute möchte ich kurz vier Bücher vorstellen, die mir in den letzten Monaten besonders gefallen haben. Sie sind alle recht unterschiedlich und auch relativ handlich, also gut zum Mitnehmen und unterwegs lesen. Das ist wichtig, denn wann kommt man im Alltag sonst groß zum Lesen, wenn nicht auf dem Weg zur Arbeit/Uni oder im Wartezimmer?

Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt (PapyRossa Verlag, 2012)

Ich gebe zu: Titel und Cover hätten mich nicht dazu gebracht, dieses Buch zu lesen. Aber irgendwo hatte ich davon gehört und das muss mich so überzeugt haben, dass das Buch irgendwann auf meine Wunschliste wanderte. Und von dort dann unter den Christbaum. Zum Glück hielt das Buch dann auch, was die (leider nicht mehr auffindbare) Rezension versprochen hatte. Charlotte Wiedemann schreibt von ihrer langjährigen Erfahrung als Auslandskorrespondentin in Ländern wie Thailand, Indonesien und dem Iran. Dabei geht es auch darum, wie wir in Europa auf Länder blicken, die bei uns vor allem für Armut oder Krieg bekannt sind, und um die Frage, ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht. Ich habe in diesem Buch viel über mir bisher sehr fremde Kulturen gelernt, vor allem auch angefangen, mich überhaupt für sie zu interessieren.

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Uno studio in Rosso (A Study in Scarlett)

Als ich in der Grundschule war, habe ich auf jedem Geburtstag mit meiner Cousine  Detektiv gespielt, während die Großen am Kaffeetisch saßen. Wie sie sich nannte, weiß ich nicht mehr, aber sie hatte eine Pfeife, ich war ihre Gehilfin, Doktor Langhaar. Obwohl der Prototyp aller Detektive, Sherlock Holmes, in unserem Spiel so präsent war, hatte ich bis vor kurzem noch keinen einzigen Fall von ihm gelesen. Als es dann so weit war, war ich überrascht: es war spannend und zudem wirklich lustig! Ich muss ja zugeben, dass ich das dem Buch angesichts seines Alters (erschienen 1887) und dem damaligen Stand der Kriminaltechnik nicht unbedingt zugetraut hatte. Gut für mich: Arthur Conan Doyle hat noch weitere drei Romane und etliche Kurzgeschichten über seinen berühmten Ermittler geschrieben.

 Harper Lee: To Kill a Mockingbird

Über dieses Buch wollte ich eigentlich einen eigenen Beitrag schreiben. Aber es gelingt mir einfach nicht, die Geschichte zusammenzufassen, ohne dass das Buch langweilig klingt. Und das ist es überhaupt nicht! Ich habe mich durchweg gefühlt wie in einem dieser Abenteuer, die man so im Alter zwischen 7 und 12 Jahren erlebt, wenn man im Sommer die langweiligen Nachmittage mit seinen Geschwistern und den Nachbarskindern auf der Straße verbringt. Das Buch ist spannend, verschafft einem die richtige Portion Nachdenklichkeit und handelt von den sympathischsten Figuren, die mir in der letzten Zeit begegnet sind. Es hat mich ein bisschen an Io non ho paura/Ich habe keine Angst von Niccolò Ammaniti erinnert. Ich weiß nicht, ob zu Recht – wenn ihr eines der beiden Bücher gelesen habt, könnt ihr ja gerne mal den Test machen und mich euren Eindruck wissen lassen :)

Valeria Luiselli: Falsche Papiere (Verlag Antje Kunstmann, 2014)

Wenn ich nicht zufällig kurz vor knapp vom Indiebookday erfahren hätte, und wenn ich dann an besagtem Tag nicht doch noch meinen inneren Schweinehund überwunden und mich raus in den Regen und auf den Weg zu einer mir bis dato noch unbekannten Buchhandlung begeben hätte, dann wäre mir dieses Buch vermutlich niemals untergekommen. Oh, ich will gar nicht dran denken. Wir haben ja erst/schon April, aber dieses Buch ist definitiv jetzt schon meine Entdeckung des Jahres. Wer Essays mag, zum Beispiel die aus der Einbahnstraße von Walter Benjamin, oder wer einfach gerne nachdenkt über Städte, Menschen, Bücher, das Schreiben, Sprache… der kann mit diesem dünnen Buch sicher viel Zeit verbringen. Es ist wunderbar. Und es hat mir einen Haufen anderer Bücher vorgeschlagen, die ich jetzt auch gerne alle lesen möchte.

Was könnt ihr aktuell empfehlen?