Zwischen Tür und Angel

In deiner Wohnung brennt noch Licht, als ich spät am Abend zurück komme und im Vorbeigehen einen Blick nach oben werfe. Eine Gewohnheit, reine Routine. Es gibt mir Sicherheit wenn ich weiß, dass du vielleicht in diesem Moment hinaus schaust und dann an mich denken musst. An die Person, mit der du nur ab und an ein paar Worte wechselst, jedes Mal ein paar zu viel, als dass sie danach in ihre Wohnung gehen und den restlichen Tag an etwas anderes als an dich denken könnte. Jedes Mal ein Wort zu viel über die Schwelle der Gleichgültigkeit. Aber keines weiter. Es treibt mich in den Wahnsinn.

Dabei weiß ich noch nicht einmal, was ich eigentlich an dir finden soll. Ich mag dich, keine Frage. Ich unterhalte mich gern mit dir, du überraschst mich mit den Wendungen, die unsere Gespräche nehmen, wenn wir einfach unsere Gedanken aufeinander loslassen und dabei zusehen, wie sie sich gegenseitig zu Neuem anstiften. Wenn du diese zehn Minuten, die auch mal zu einer halben Stunde werden, mit mir verbringst, im Hausflur stehend, an die Wand gelehnt, und wir beide für diese Zeit das einzige Objekt deiner Aufmerksamkeit sind, in diesem Moment gibst du mir etwas zurück, das mir lange abhanden gekommen war, das mir gefehlt hat, viel zu lange. Achtung. Und Beachtung. Betrachtung. Ja, ich genieße deine Aufmerksamkeit.

Es ist ziemlich selbstbezogen, was ich über das denke, wieso ich so schätze, was da manchmal zwischen uns ist.

Aber auch dir ist es wichtig, dein Selbst zu pflegen. Wo der Hausflur endet und deine Wohnung beginnt, da ist die Grenze unserer flüchtigen Freundschaft. Denn eine Freundschaft ist es, wenn auch eine sonderbare. In dein Reich, deine Privatheit, darf ich nicht hinein, obwohl unsere Ganggespräche die Grenze zum Privaten schon deutlich überschritten haben. Du brauchst die Gewissheit, in deiner Wohnung frei zu sein. Zu tun, was du willst, laut oder leise zu sein, herumzulaufen, wie es dir beliebt oder auch einfach nur dazuliegen und zu denken, ohne dass jemand deine Gedanken übertönt, unterbricht, beäugt, kommentiert.

Wir sind uns darin gar nicht unähnlich. Aber manchmal, inmitten all des allein und mit allem eins-Sein, da wäre ich gerne in guter Gesellschaft. Um zu teilen, was mir selbst zu viel ist, um zu hören, wie die Stille klingt, wenn man ihr gemeinsam lauscht. Um Gedanken aus der Luft zu greifen und in den Raum zu stellen, und sie dann gemeinsam zu bestaunen.